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Unter dieser Überschrift gibt unser früherer Pfarrer (2010 - 2013) Christian Müssig in unregelmäßigen Abständen "Lebenszeichen" aus seinem jetzigen Wirkungsbereich, der Stadt Santa Cruz in Bolivien, diesmal über die "Corona-Lage" dort und hier.

Santa Cruz, Ostern 2021

Feliz Pascua! (Frohe Ostern!),
liebe Freunde und Bekannte in Deutschland!
Euch allen ein froher (und kurzer) Ostergruß aus Bolivien!

Gerne wäre ich in der vergangenen Woche in die fränkische Heimat gehoppelt, aber mein Corona-Attest reichte nur bis Madrid. Und bevor ich - "lost in transition" - auf dem Flughafen in Madrid herumirre auf der Suche nach einem neuen gültigen Test bis Frankfurt, bin ich gar nicht erst in die Maschine eingestiegen. Alle Versuche der Airline vía Zentrale in Mallorca und Anrufen im Labor das Attest für einige Stunden zu verlängern, verliefen erfolglos. Für Ende Mai starte ich einen neuen Flugversuch. Ihr müsst auf der 3. Welle in Deutschland ohne mich surfen. Es wäre mir auch zu kalt ...

Ich denke, dass "Dioscito" die Dinge zu ordnen weiß. So habe ich hier einige Wochen, die nicht so vollgepackt mit Terminen sind, und ich beobachte mit stirnrunzelnder Distanz, was da so alles in Deutschland geschieht oder auch nicht. Die dritte Welle kann ich auch hier im bolivianischen Spätherbst willkommen heißen. Maskengegener, willkommen in Santa Cruz, niemand wird Euch bedrängen ... Hier macht jeder was er will. Allerdings gibt es keinen Rechtsanspruch auf einen Klinikplatz mit ausgebildetem Fachpersonal, wenn das Virus dann zuschlägt, welchigen dem*der Maskengegner*in in Deutschland dann doch gerne in Anspruch nimmt, sollte die Luft ausgehen. Es funktioniert nicht, sich mit dem Parteibuch der AfD Luft zuzufächeln und Quer-denken ersetzt nicht Tiefen-atmung.

In der vergangenen Woche hatte ich wieder eine Corona-Verabschiedung am Friedhofstor, hastig, es musste schnell gehen. Wie am Karfreitag ... der Vater einer Minsitrantin, jetzt ist die Mutter interniert. Es gibt Familien, die gleich mehrere Angehörige verloren haben und am Ende auch noch wirtschaftlich ruiniert sind. Denn die Klinik übernimmt nicht alles, selbst wer versichtert ist, zahlt zu. Es gibt auch hier die Corona-Gewinner. Die Laboratorien schaffen es, den Alchimistentraum zu verwirklichen: aus Corona-"moco" (übersetze ich besser nicht) Gold zu machen. Eine Untersuchung mit Attest kostet zwischen 50 und 100 Dollar, ein gefälschtes Attest, je nach Dringlichkeit, etwas mehr. Mit Stempel natürlich.

Beim bolivianischen Impftempo sind wir statistisch in vier Jahren durch. Die Reichen buchen schon Miami oder Sao Paulo ... 25.000 "Sputnik"-Dosen wurden dieser Tage eingeflogen (und verschwinden in einem Flugzeughangar in La Paz), hier kommt nur wenig bis nichts an. Die Partei des "Movimiento al Socialismo" wird Sorge tragen, dass sie für ihre Bedürftigen eine ganz eigene Bestimmung finden. Dadurch dass es nur ca. 30 Prozent legalisierte Beschäftigungsverhältnisse gibt mit Krankenkasse usw., schlägt die Pandemie nur unmerklich auf die Arbeitslosenstatistik durch. Damit kann man sich rühmen, mit 5 Prozent hätten wir theoretisch Vollbeschäftigung. Die Realität sieht natürlich anders aus. Unter unseren Katechisten sind jede Menge, die irgendeinen Abschluss erworben haben und von ihren Familien durchgefüttert werden. Lebensplanung sieht anders aus. Der Drang nach Chile, zum Erbfeind, der das bolivianische Meer geraubt hat, ist ungebrochen, inclusive illegalem Grenzübertritt. Bolivien exportiert weiterhin, neben Kokain, seine Jugend, die arbeitswilligen Mütter und auch ein paar flüchtige Väter. Ohne die „remesas“, die Gastarbeiterüberweisungen, sähe es düster aus. Daran ändern auch periodische Schecks des Staates nichts. Der Staat beleiht sich bei der Zentralbank, die unbegrenzt Mittel zur Verfügung stellt. Das europäische Modell macht Schule. Wie wird das enden?

Im Moment sind wir so mit der Corona-Routine erfüllt, dass ich mir darüber nicht allzu viele Gedanken mache. Ich bin mir meiner Privilegien bewußt: Krankenversicherung, Pass, Devisen ... Meine "Rüssel-Tests" verliefen bislang alle negativ, während meine Kollegen reihum infiziert waren/sind. Und einige sind auch verstorben. Milton Sulbacher, mein Nachbar, mit etwas über 40. Das schmerzt.

Ich versuche, diese Zeit der Prüfung, der bleiernen Lähmung, der eingeschränkten Möglichkeiten, als österliche Zeit zu begreifen. Gott hat noch einmal seine Möglichkeiten, ins Spiel zu kommen, wo so viele oft begangene Wege verschlossen sind. Und wo auch die Spreu vom Weizen gesiebt wird. Ich bleibe hoffend, freilich ohne die rechtsverbindliche Garantie, dass es mich nicht auch noch erwischen kann. Die hat niemand, und keiner weiß, wie der eigene Körper mit den Tierchen zurechtkommen wird ...

Inzwischen: Bleibt behütet, aktivitätenarme Zeiten haben auch ihre einladenden Moment, werdet nicht zu "ZOOM-bis" ...
Un abrazo (Eine Umarmung)
Christian Müssig, Pfarrer

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